Warum habe ich mich von der Homöopathie abgewandt?

Vorweg: Es war eine Entscheidung, die mir nicht leich gefallen ist.

 

Der wichtigste Schritt war wohl, zu erkennen, was Medizin, Wissenschaft und insbesondere Naturwissenschaft überhaupt bedeuten. Ich war, wie viele Homöopathen und auch Heilpraktiker, der Meinung, damit sei etwas Schlechtes, Böses gemeint. Ich begann also, ein Buch zu schreiben, um „Beweismaterial“ für die Homöopathie und gegen die Wissenschaft zu sammeln. Wie viele Homöopathen dachte ich, die Beweise würden nur zurückgehalten oder verfälscht, um nicht die ganze Kraft (und damit Gefahr für die normale Medizin) dieser Heilmethode zu offenbaren. Und ich dachte natürlich auch, andere Homöopathen seien einfach nur schlechter als ich. Wenn die es nicht hinbekommen, Patienten zu heilen, ist es kein Problem der Methode. Ich war auch der Meinung, dass „Pharmakonzerne“ die Magazine wie den Spiegel kauften oder positive Forschungsergebnisse boykottierten, dass Wissenschaftler einfach „keinen Bock“ auf die Forschung über Homöopathie hätten, weil damit bestehendes Wissen bedroht wäre. Ich war mehr als alles andere davon überzeugt, dass das Wissen, das die Homöopathie erklären würde, einfach noch nicht gefunden sei. Das Buch „Die Homöopathie-Lüge“ von Christian Weymayr und Nicole Heißmann habe ich noch als üble Diffamierung der Homöopathie gesehen. Und ich wollte den Gegenentwurf liefern.

Was daraus geworden ist, sehen Sie ja an meinem Buch. Und an meiner Praxisaufgabe. Wie kam es dazu? 

 

Das Wichtigste für mich war zu verstehen:

 

Wissenschaftler sind nett. Sie haben ein ehrliches Interesse daran, die Wahrheit (oder eine möglichst nahe Näherung daran) methodisch herauszufinden. Selbst wenn diese ihrem bisherigen Wissen widersprechen würde, würde es sie erst recht ermutigen, eine Hypothese zu prüfen. Wissenschaftler wollen wissen, was die Homöopathie kann. Wissenschaftler sind auch unbestechlich, was ihre Methoden betrifft (damit sind jetzt nicht alle als Menschen gemeint). Unendlich viel Mühe ist in die Methodik gelegt worden und diese wird keineswegs in Stein gemeißelt, sondern weiter und weiter entwickelt. Neues Wissen wird integriert, wo immer dies begründet werden kann. Der Anspruch ist Erkenntnis. Die Wissenschaft ist nicht etwa ein Weltbild, sondern eine Methode, die sich dazu verpflichtet hat, herauszufinden und einfach beschreiben zu können, was ist (und nicht, was wir gerne hätten).

 

Naturwissenschaft dient z. B. dazu, die natürlichen Vorgänge im Menschen als Teil der Natur zu erforschen. Und  diese Vorgänge sind heute (im Gegensatz zu Hahnemanns Zeiten) gut bekannt und werden mit Biologie, Physik, Chemie und Physiologie immer besser beschrieben. Wäre die Homöopathie wahr, so wären all diese Gesetze und all dieses Wissen falsch. Es liegt also nicht daran, dass wir noch nicht wissen, wie die Homöopathie funktioniert, sondern daran, dass wenn sie so funktionieren würde, wie Homöopathen sich das vorstellen, alles andere, was wir täglich erfahren (und wissenschaftlich überprüfen können) nicht stimmen würde. Etwas verkürzt: Die Schwerkraft ist eine Tatsache, die Lebenskraft ist eine Idee von vor 200 Jahren, die heute widerlegt ist. Die Schwerkraft gäbe es auch ohne uns Menschen, die Lebenskraft aber ist eine Vorstellung im Menschen, keine Naturgröße. Hahnemann hat sie postuliert, was wissenschaftlich gesehen einer Hypothese entspricht. Wir haben sie 200 Jahre lang überprüft, und können heute mit Sicherheit behaupten: Eine solche Kraft gibt es im Menschen nicht. Wir können uns eine solche Kraft vorstellen, aber sie wird dadurch nicht zu einer Tatsache.


Die (Natur-)Wissenschaft hat sich seit Hahnemann extrem weiterentwickelt: Bakterien, Viren, physiologische Zusammenhänge, Hormonregulation, DNA-Sequenzierung, psychologische Zusammenhänge, die Psychosomatik – das alles und vieles mehr kannte und wusste Hahnemann nicht. Und während keiner von uns heute auf Handy, Computer, Internet, Schlaganfall-Therapie oder Notfallmedizin verzichten möchte, tun wir bei der Homöopathie so, als seien ihre Erkenntnisse „up to date“. In vielem war Hahnemann zweifellos ein Vordenker seiner Zeit und allein seine Abkehr von der sogenannten heroischen Medizin war ein Segen für viele Menschen und für die Medizin insgesamt. Dafür gebührt ihm auch heute noch Ehre. Aber die drei Haupt-Säulen seiner Homöopathie, die er als Gegenmodell entwickelte, sind heute wissenschaftlich widerlegt: Es gibt kein Ähnlichkeitsprinzip, die Potenzierung macht keinen Sinn und die Arzneimittelprüfung ist alles Mögliche - aber keine Prüfung.
Homöopathen werfen den Wissenschaftlern ja immer vor, sie sollten erst mal nachweisen, dass die Homöopathie nicht  funktioniert. Das war ja auch der aktuelle Auslöser der TK-Homöopathie-Debatte. Man nennt das auch Beweislastumkehr. Es kann jedoch leider nie bewiesen werden, dass etwas nicht funktioniert/vorhanden ist. Es gibt dazu ein berühmtes Beispiel: Sie werden nicht beweisen können, dass es Einhörner nicht gibt. Denn in irgendeinem Keller könnte ja theoretisch eins eingesperrt sein oder Sie gucken gerade am falschen Ort. Sie müssten aber andererseits, wenn Sie behaupten, es gibt Einhörner, eines vorweisen können. Die Homöopathie behauptet also nun, dass die Homöopathie wirke (über einen Placebo-Effekt hinaus). Kann es aber nicht vorweisen/nachweisen - im Gegenteil jede seriöse Studie zeigt, dass ihr Effekt dem Placebo-Effekt entspricht. Darüber hinaus kann die Homöopathie nach den Maßstäben unserer heutigen Wissenschaft noch nicht mal sagen, wie sie wirken könnte. Das macht die Sache eigentlich klar. Doch die Homöopathen behaupten konsequent etwas anders und tun so, als müssten die Kritiker das Einhorn (das nicht da ist) endlich anerkennen.


Den Punkt „Ich sehe doch, dass es geholfen hat“, den kenne ich auch nur zu gut. Ich habe „Wunderheilungen“ erlebt bei Kindern, Schwerstkranken, Aufgegebenen. Nicht täglich, aber weitaus häufiger als ab und zu. Und es ist unheimlich schwer gewesen, einzusehen, dass und warum zwischen Globuli-Gabe als Arzneimittel-Gabe und einer Verbesserung kein Zusammenhang, keine Kausalität, hergestellt werden kann. Auch hier musste ich erst den Begriff und die Bedeutung der Kausalität verstehen und warum empirische Erhebungen oder persönliche Erfahrungen nicht dazu geeignet sind, eine Aussage über die Wirksamkeit der Homöopathie zu machen.
Was mir wohl am schwersten gefallen ist, war zu akzeptieren, dass Anekdoten komplett wertlos sind, wenn es darum geht, ein Verfahren und seine Wirksamkeit zu beurteilen. Natürlich macht es Eindruck, wenn man meint, an seinem Baby ein wundervolle Heilung „durch“ Homöopathie erlebt zu haben. Oder wenn einem die Nachbarin erzählt, dass sie nach dem Gang zum Homöopathen ihre langjährige Neurodermitis endlich und völlig überraschend losgeworden sei. Solche Geschichten bleiben auch hängen und es fällt schwer, ihnen nicht automatisch Glauben zu schenken. Mir ist es jedenfalls schwer gefallen, zu erkennen, dass einzelne Erfahrungen immer auch Zufall sein oder andere Gründe haben können. Und dass diese Erklärungen zwar weitaus weniger spektakulär, aber viel wahrscheinlicher sind, um die Homöopathie und ihre „Erfolge“ zu erklären. Um genau solche Fehler zu vermeiden, haben wir in der Medizin ja die Studien. Sie lassen Beurteilungen zu, ob ein Verfahren nur zufällig Einzelnen hilft, oder ob eine Wirksamkeit über einzelne Zufälle und Placeboeffekte hinaus vorhanden ist. Bei der Homöopathie ist dies nachweislich (mehrfach!) nicht der Fall. Das hat mich letztlich überzeugt.

 

Alles in allem ein schwerer Weg, denn es ist so viel leichter, eine Meinung ohne wirkliche Ahnung zu haben, als sich eine Ahnung von Wissen zu erarbeiten.

Nutzen Sie auch soziale Netzwerke? Treten Sie dort gerne mit mir in Kontakt

Tweets von Natalie Grams @nataliegrams1

Bloggend und schreibend bin ich hier anzutreffen:

 

Die Erde ist keine Scheibe

 

Informationsnetzwerk Homöopathie

 

Und gerne empfehle ich Ihnen, auch auf diese Blogs und Webseiten einmal einen Blick zu werfen:

 

Beweisaufnahme Homöopathie

 

Edzard Ernst

 

Giordano-Bruno-Stiftung

 

GWUP-Blog
 

GWUP-Homepage
 

Homöopedia (Online-Lexikon zur Homöopathie)

 

HPD (Humanistischer Pressedienst)